RIP
Punkt acht Uhr morgens liegt sie auf dem Parkplatz, tot. Den Stamm noch braunglänzend vom Regen der vergangenen Tage, die flaschengrünen Nadeln saftig, spitzig, vermeintlich lebendig. Gegen die mächtige Maschinerie, die gegen sie angetreten ist, hatte sie keine Chance. Die Föhre war krumm und bucklig, vom Alter und vom Wetter gebeugt und angeblich krank. Ich sage angeblich, denn ich kann das nicht beurteilen. Wenn ein Baum gefällt wird, tut es mir in der Seele weh. Jahrzehnte, manche gar Jahrhunderte, hat er an seinem Platz gestanden und alles mit angesehen. Das Gute und das Böse, das Schöne und das Hässliche. Babygeschrei, Kinderlachen, erste und letzte Küsse, Tränen der Trauer und solche des Glücks. Nichts ist ihm fremd was der Mensch so erlebt. Auf diesem Parkplatz über den unsere Föhre so viele Jahre gewacht hat, standen noble Sportwagen neben Schrottkisten, Ambulanzen neben Fahrrädern, Kinderwagen in trautem Verein mit Harley Davidson, rotbackige Feuerwehrautos neben liebevoll gepflegten Oldies. Unter der Föhre trippelten lebensfrohe Kinderfüsse, arrogante Stöckelschuhe und sportliche Sneakers. Leider auch schwere Militärstiefel als die Zeiten hier an der Grenze rau und gemein waren. Nun ist sie unwiederbringlich dahin, schon ist der Stamm zerteilt. Das grausame Aufheulen der Motorsäge kennt kein Mitleid. Ein paar Minuten nur und ein Baum, der über viele Jahre gewachsen ist, knallt unbarmherzig auf den unfreundlichen Asphalt, nichts hält seinen Fall auf. Der Anblick der Föhre ist nicht zu ertragen; ich schaue stumm vom Balkon und bekomme feuchte Augen. Das Gemetzel kann ich nicht mitansehen. Während unten der Förster sein trauriges Handwerker erledigt, geradezu ein Henker, sitze ich oben und verfasse Dein Requiem, liebe Föhre. Du wirst mir fehlen. Riposa in pace.
Nie gab es ein perfekteres Lied für das Fällen eines Baumes. Alexandra von 1968.