Für Dich
Gestern Nacht konnte ich nicht einschlafen. Hin und Her im Bett, mit und ohne Decke, mit einem, mit zwei, mit keinem Kopfkissen. Ich mache mir Sorgen um Dich. Fühlst Du Dich behütet und umsorgt? Massiert Dir jemand die Füsse und die Hände? Wirst Du umarmt, so zart wie ein gerade geschlüpftes Vögelchen und so fest, dass Du weißt, gehalten zu werden - auch wenn die Welt untergeht. Meine liebste Freundin, niemand kennt mich so lange wie Du, niemand sonst teilt diese Erinnerungen mit mir, die unsere Pubertät, unsere Jugend geprägt haben. Es waren die ungezähmten Siebziger, die wilden Achtziger des vorigen Jahrhunderts. Wir waren lebensgeil, unersättlich und mutig! Vasco Rossi sang “voglio una vita spericolata” und die Nächte waren zu kurz. Wir wurden getrennt und jede ist ihren Weg gegangen aber das Band ist nie zerrissen. Weisst Du noch die ellenlangen Briefe, die wir uns geschrieben haben? Mit all unserem Teenagerkram, unseren Ängsten, den Begegnungen mit Sehnsüchten, mit der Gier nach Liebe und Anerkennung, den Enttäuschungen und dem Verrat? Wir sind kopfüber eingetaucht in dieses halsbrecherische Abenteuer Leben, sind vom 10 Meter Brett gesprungen und haben alles auf eine Karte gesetzt. Wir waren jung, verrückt und schön. Schön, weil wir jung und verrückt waren. Irgendwann hat uns die Banalität des Alltags eingeholt und wir mussten kämpfen und leiden und fallen und aufstehen und wieder kämpfen. Das laugt und höhlt aus, das macht uns dünner und durchsichtiger und fragender. Wir hatten doch mal Träume. Ich vermisse Dich so sehr meine allerliebste Freundin. Wieviel Zeit bleibt uns noch um das Leben festzuhalten, unsere Erinnerungen zu teilen und über die immer wiederkehrende Idiotie der Menschheit zu lästern und zu lachen? Sind wir verbittert und hadern wir? Nein, sind wir nicht! Meine liebe liebe Freundin, ich trinke auf Dich mit einem knackig mundigem Riesling aus dem Rheingau, eine Landschaft, die Du magst. Auf Dich und die unglaubliche Würde mit der Du Dein Schicksal trägst, auf Deine filigrane Eleganz, Deine Liebe zu Wagner, zum Theater, zu den Dolomiten, zum guten Essen und Trinken, zu tiefgründigen Gesprächen im Morgengrauen, auf Deine innere Seelenstärke und Deine blaugrünen Augen in denen sich die Weite des Meeres und die Unendlichkeit des Himmels spiegeln. Ich hab’ Dich lieb, sehr lieb.
https://youtu.be/VNHSL0pTlzA