Cello

Screenshot_20200228_134320.jpg

Das Cello hat es ans Licht gebracht. Ohne wenn und aber. Das noble Instrument bietet sich mir fast aufdringlich an; es prostituiert sich geradezu, lockt und girrt. Nimm mich, flüstert es, zeigt unverschämt und provokant seine sinnlichen Rundungen, lockt mich heissblütig und zugleich zurückhaltend. Es sieht nur so aus, als ob es sich feil böte, erschreckend nackt in seiner glänzenden Holzigkeit. In Wirklichkeit verbirgt sich eine hoch herrschaftliche Seele im Vollblutweibkörper. Mit ungeheurer Zartheit aber auch mit Kraft und Determination schleichen sich die celestialen Töne in mein heiles Ohr, vernebeln mir das Hirn, fliessen durch mein vegetatives Nervensystem, bringen mich zum Weinen, lassen mich erzittern und erbeben. Ehrfürchtig halte ich das Cello etwas linkisch und unsicher vor meinem Bauch; leicht lehnt es sich an meine Oberschenkel, noch auf der Suche nach der richtigen Stellung. Der Bogen liegt in meiner Hand, noch fremd und ungewohnt. Täppisch und ängstlich traue ich mich an die Saiten. Ein Ton. Erklingt. Vibriert. Vergeht. Verschwindet. Ich traue mich nochmal, bin fasziniert wie ein kleines Kind, lächle. Unten sind die Töne hoch, bei mir auch schrill, oben sind sie tief, sonorig, alles füllend. Dann kommt das Klavier, nimmt meine Schwingungen auf, sucht Harmonie, findet seinen Weg. Ich nicht. Ich kann nicht. Vergesse meinen eigenen Klang, ziehe mich zurück, verstumme. “Warum haben Sie aufgehört” fragt der Musiktherapeut. “Sie sind so viel besser, ich möchte das nicht kaputt machen”. “Und wer sagt Ihnen, dass ich besser bin und glauben Sie wirklich, Sie könnten meine Musik zerstören”? Ich heule, denn ich weiss, was er meint. Sei Dich selber, ruft das Cello, hab’ Vertrauen, spiele Deine eigene Melodie, lass Dich gehen, sei Dein Rhythmus, finde Deinen Klang. “Sollen wir es nochmal probieren?” fragt der Mann. “Ja”. Ich umfasse das Cello, hebe den Bogen und lasse los. Es krächzt, es kiekst, es ziept und brummt. Manchmal ein heilsamer Ton, ein Glücksfall. Egal - meine Töne, mein innerer Singsang. Irgendwo im Raum das Klavier, ein Treffen, ein Nicken, ein Seufzer. Dann gemeinsames Ausklingen. Ich bin stolz auf mich. Jetzt erst weiss ich was Musik kann und sein kann.

Marita