Alltags-Sexismus
Mein erster Chef war der Harvey Weinstein von Mendrisio, ein Italiener aus Piacenza. Als Besitzerin einer saisonalen Arbeitsbewilligung war ich als junge Frau vor 40 Jahren Freiwild. Denn wenn man nicht spurte, drohte die Kündigung und damit Arrivederci Svizzera. Aber wohin hätte man gehen sollen? Zuhause war nicht mehr Zuhause und in der Schweiz hatte man das Maul zu halten. Harvey bzw. L.A. jedenfalls war bekannt dafür, dass er seine ekligen Patschehändchen nicht bei sich behalten konnte und ich und meine Kollegin mussten ständig auf der Hut sein; wir passten auf damit wir ihm nicht in die Quere kamen. Trotzdem landete ich eines Tages im Aufzug mit ihm und prompt startete er einen unerwünschten Annäherungsversuch, der Scheisskerl. Man bedenke, ich war 19! Neunzehn, das bedeutete auch unverzagt und mutig drauf los. Der Fiesling verliess den Aufzug mit Schmerzen zwischen den Beinen, ich Ende Saison das Hotel. Bis dahin aber herrschte Ruhe. Das zweite Exemplar stammte ursprünglich aus Hamburg und besass die miese Angewohnheit, sich morgens sein Frühstück von einer seiner Récéptionistinnen bringen zu lassen. Wohlgemerkt, nur von den Ausländerinnen. Diese erwartete er im weit klaffenden Bademantel unter dem er seinen Bauch und das darunter hängende Geschlecht nackt präsentierte. Als ich mich nach dem ersten Mal weigerte, seiner Aufforderung nachzukommen, bekam ich folgenden, mir unvergessenen Satz zu hören: Du weisst schon, dass es Récéptionistinnen wie Dich wie Sand am Meer gibt? Ich schwieg und heckte einen Plan aus, auf den ich heute noch stolz bin. Meine Kollegin Brigitte war Schweizerin, Tochter eines Zürcher Anwalts. Am nächsten Morgen nahm ich das übliche Telefonat entgegen und ging in die Küche. Mit dem Tablett in der Hand simulierte ich eine plötzliche Übelkeit und bat Brigitte, den Frühstücksservice für HJH zu übernehmen. Was für ein Spektakel! Brigitte, behütet und beschützt aufgewachsen, liess bei dem unappetitlichen Anblick das Tablett fallen und informierte umgehend ihren Vater. Dieser benötigte nur einen Anruf und wir waren von der morgendlichen Kotzpflicht befreit. Ende Saison hiess es Tschüss. Den Vogel abgeschossen aber hat ein gut situierter, attraktiver Besitzer eines was auch immer Büros in Lugano. Ich war erst 16 und auf der Suche nach einer Lehrstelle. Meine Mutter, naiv und weltfremd wie sie war, hatte den Kontakt ermöglicht und ich wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen - abends um 19 Uhr im Hotel Olivella in Morcote (heute Diamond's Hotel). Wie blöd kann man sein? Ich hätte sowieso keine Lehre absolvieren können, denn dafür musste man über eine unbefristete Aufenthaltsbewilligung verfügen. Kurz und gut, der gute Mann, verheiratet und Vater zweier Töchter in meinem Alter, wollte mal eben mit mir auf ein Zimmer gehen während meine Mutter sich auf seine Kosten an der Bar verlustieren durfte. Naja, ich habe auf eindrückliche Weise klar gemacht, dass ich mehr auf Zack als meine Erziehungsberechtigte war. Danach habe ich darauf bestanden, weiterhin auf die Schule zu gehen - gute Entscheidung! Auf diese gemeinen Erfahrungen hätte ich gerne verzichtet, andererseits haben sie mich zu einer Verfechterin der Frauenrechte gemacht. Sexismus wittere ich einen Kilometer gegen den Wind und bin mir nicht zu schade, diesen öffentlich anzuprangern. Kein Pardon und keine Rechtfertigungen. NEIN ist eben ein ganzer Satz! Meinen kleinen inneren Reichsparteitag bekam ich Jahre später: Harvey aus Mendrisio ist an Alzheimer erkrankt und 2018 verstorben, der Vernascher junger Mädchen pleite gegangen, der Mann aus dem Norden wurde von seiner Frau verlassen und starb an einer Leberzirrhose. Woher ich das weiss? Lugano ist klein und gemein. Schlechte Nachrichten verbreiten sich bis in die hintersten Täler.
Nach dem Disaster mit der Lehrstelle habe ich mich für eine Sprachschule entschieden. 1977 an der Euroscuola in Lugano.