Shopmobb

“Wie machen Sie das mit den Weihnachtsgeschenken”? “Wird Ihnen das Shoppen fehlen? “Haben Sie schon alles für Weihnachten eingekauft”?Solche und ähnliche Fragen stellen Journalisten Passanten auf den Einkaufsstrassen dieser Welt. Die Antworten sind vorhersehbar: Amazon, Zalando und Konsorten lachen sich ins Fäustchen und häufen frisch fröhlich Berge von Kohle an, also Unmengen von Geld. Wie Donald Duck zwinkern ihnen die Dollarzeichen aus der Pupille und sie können ihr Glück kaum fassen. Konsumfetischisten räumen unlustig und bar jeden Sprachgefühls ihre Einkaufstaschen aus und unboxen sich in die Herzen ihrer Follower, die wiederum die Kasse bei den Einkaufprofis klingeln lassen. Ich sage es hier und jetzt und stehe dazu. Soll Euch das Krönchen aufgesetzt werden! Unser Pflegepersonal bricht unter der Last der Verantwortung und der Arbeit fast zusammen, weiterhin beschenkt mit 16-Stunden Tagen und am Monatsende mit einem Appel und einem Ei. Die Lehrerschaft schlägt sich Tag um Tag unter disaströsen Bedingungen mit den ambitiösen Projekten ihrer unfähigen und desinteressierten Erzeugern herum, denen schon im zarten Alter beigebracht wird, wie man das Köpfchen drückt. Das wars dann aber auch. Das Restaurant um die Ecke, der kleine Laden zwei Schritte weiter, all die fantastischen Künstler wissen nicht mehr wie sie über die Runden kommen sollen, Jugendliche erkranken an depressiven Zuständen, die häusliche Gewalt nimmt im Stundentakt zu. Menschen sterben. Sie sterben. Wen juckt's? Hauptsache, wir können shoppen, online und ohne Sinn und Verstand. Dhl Deutschland hat 10'000 Fahrer eingestellt - ein paar wird es freuen, denn sie hatten vorher gar nichts - und der Rest verstopft die Strassen, hechelt von Haus zu Haus, von Klingel zu Klingel und verdient tatsächlich noch weniger als besagte Pflegekräfte. Aber shoppen muss sein! Was um alles in der Welt braucht Ihr denn ausser ein Dach über dem Kopp, ausreichend Essen auf dem Teller, warme Kleidung und ein paar liebe Menschen um Euch herum? Ich shoppe, also bin ich - das ist die frohe Botschaft, die Heilsverkündung. Ich bin heute Spielverderberin: nichts und niemand werdet Ihr sein, Euer Hunger kann noch weniger gestillt werden als der der Armen; Ihr werdet vergehen und verrotten und Eure Lieferanten wird es einen Dreck kümmern. Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass shoppen Eure Kerzen heller scheinen lässt? Merkt denn keiner, dass wir uns das eigene Grab schaufeln? Wollen wir in toten Käffern unser Dasein fristen, unsäglich einsam verschanzt hinter einem PC, fähig nur einer letzten einzigen Geste: Klick?

Diese Welt ist gerade schwer zu ertragen aber wir könnten soviel daraus lernen, lauter wichtige Dinge, die nichts kosten ausser einem Augenblick der Liebe. Neulich am Telefon mit meiner 96-jährigen Tante, die in Köln lebt. Gebrechlich aber glasklar im Hirn. “Und? Wie kommst Du durch diese schwierige Zeit”? “Och, Marita, alles gut soweit. Mich ärgert bloss, dass ich den Garten nicht mehr alleine schaffe. Aber ich habe ja so hilfsbereite Nachbarn”. “Ja, aber mit Corona und so”, hake ich nach. “Tja, was soll ich sagen, nach zwei Weltkriegen”? Frohe Festtage und ja, ich bin gehässig! Weihnachten liebe ich dennoch, vor allem dann, wenn alle meine Lieben unter dem Tannenbaum ein Lied singen und wir uns in den Armen halten.

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Marita