Schnee
Weisser Samt bedeckt die Welt. Alles Dunkle, Schattige verschwindet gnädig unter einer wolleweichen Schicht und lässt die Nacht erhellen. Stille überall, so schwer, dass sie fast schon wieder laut ist. Hinter dem weissen Vorhang wartet trügerisch das Nichts. Verschwunden sind See und Berge, kein Hochhaus verdeckt den Blick. Um mich herum nur frische Kühle, die mit ihren lautlosen Flocken die Erde vermummt. Leise leise flüstert es in mir und ich lausche in die weisse Festung. Klein ist die Welt geworden, sehr überschaubar und tröstlich. Kein Lärm übertont das Gezwitscher der Vögel, die sich flatternd auf das Vogelfutter stürzen. Vor meinem Fenster tummeln sich dickbäuchige Rotbrüstchen und schüchterne Meisen. Drei Amseln machen ihnen den Platz streitig und kriegen den Hals nicht voll. Grosses Kino. Unaufhaltsam flockt es vom Himmel und verzückt die Seele. Schneeflöckchen, Weissröckchen, da kommst Du geschneit. Vor den Häusern Bürogummis in rutschigen Schuhen, die schnaufend ihr Auto ausgraben und dabei trotz des Fitnessabonnements eine etwas unglückliche Figur abgeben. Wie aus dem Nichts ein Kinderlachen, es tobt und plärrt, grölt und juchzt. Kleine Michelinmännchen versinken im Schnee, lassen sich fallen und rollen. Patschehändchen formen Schneebälle und rasen mutig auf dem Schlitten Hänge hinunter - johlend vor Begeisterung. Vergessen der elektronische Streichelzoo, es lebt und brüllt und kreischt mit roten Backen und nassen Füssen. Übermütig rasen junge Hunde durch die Winterpracht, können ihr Glück kaum fassen und schlagen wagemutige Purzelbäume. In der Dämmerung nur ein Knirschen auf dem Weg und darüber ein Dach aus Ästen, die sich unter der kalten Last tief und tiefer beugen. Es schneit und alles ist gut. Warum besitze ich keinen Schlitten mehr? Ach, komm - ein Müllsack unter dem Hintern tuts auch!