Gespenstet
Ghosting schimpft sich das Phänomen. Menschen, mit denen Du noch bis vor kurzem gesprochen hast, telefoniert, geschrieben. Von heute auf morgen hörst und siehst Du nichts mehr. Kein Lebenszeichen, keine Erklärung, einfach nichts. Sie lösen sich in Luft auf und verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Es ist übrigens kein typisches Verhalten der WhatsApp Kommunikation. Es gab da mal eine Frau in meinem Leben, nennen wir sie Di. Sie begann ihren Job als persönliche Assistentin des neuen FrischvonderUni-Direktors. Typisch HSG halt, hohes Fachwissen, menschliche Qualitäten und korrektes, motivierendes Führungsverhalten eher spärlich bis gar nicht vorhanden. Dieser ambitiöse Oberfuzzi, der sich als Retter der verfahrenen Situation in seinem Zuständigkeitsbereich aufspielte, bescherte unserer Di viele Tränen, verzweifelte Unsicherheitsmomente und lange Kaffeepausen, in denen sie mir ihr Herz ausschüttete. Mir, der Trösterin der Stunde, der verständnisvollen Zuhörerin, der Quelle der nie versiegenden Tipps und Tricks. Zwei Jahre lang bezeichnete Di mich als ihre beste Freundin. Wir trafen uns privat, ich erfuhr Vertrauliches, war da und allzeit bereit. Dann kam der Tag, an dem unser karrieregeiler Smartie einen gewaltigen Sprung in die Sphären der obersten Etagen machte, sich dabei einiger Begleiter und Berater entledigte, gar einer ganzen Abteilung, was unserem Arbeitgeber eine enorme Stange Geld einbrachte und - man glaubt es kaum - Di mitnahm, als engste Mitarbeiterin, die fortan ihr Leben ihm, seinen Macken und Launen widmete. Sie ward nicht mehr gesehen. Die fünfte Etage hatte sie verschluckt. Keine gemeinsamen Pausen und Herzausschüttungen mehr, keine Telefonate, keine E-Mails. Es folgten noch ein paar fadenscheinige Absagen zu Einladungen meinerseits, das wars. Ich habe gehadert, mich hinterfragt, mein Gewissen durchforstet - kurzum, mein Selbstbewusstsein war am Arsch. Was hatte ich getan? Heute weiss ich, gar nichts. Ich hatte alles richtig gemacht aber ich war missbraucht worden - anscheinend ebenso mühelos wie herzlos. Ich habe Jahre gebraucht um darüber hinweg zu kommen und zu verinnerlichen, dass nicht ich das Problem war. Auch heute noch gibt es Namen, mit denen ich mal vertraut war und die sich sang-und klanglos verdünnisierten. Es liegt nicht an mir! Dieses Verhalten ist einfach nur schäbig, unentschuldbar und ganz ganz klein. Die Gründe sind nicht relevant, denn was immer es auch ist, sowas gehört sich nicht. Es ist einfach nur unanständig und armselig. Was immer jemanden dazu bewegt, den Kontakt abzubrechen, eine Mitteilung, ein Gespräch, eine Rückmeldung wären angebracht und würden von Charakter zeugen. Schämt Euch, Gespenster- und innen. Ihr verdient keine Freundschaft und es wundert mich nicht, zu erfahren, dass Ihr alleine und verbittert alt werdet!