Lametta

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Auf das Allerhinterfotzigste hat mich vor 20 Jahren die Angst überfallen. In jeder Zelle hat sie sich eingenistet, von meinem Körper und meinen Gedanken Besitz genommen, mich in die Handlungsunfähigigkeit getrieben. Bis gestern war ich selbstbestimmt im Modus "mir gehört die Welt solange ich gesund bin und arbeiten kann" unterwegs gewesen, überzeugt, alles anpacken und meistern zu können, egal was für Schicksalsschläge auf mich warteten. Ich wusste nicht, was es bedeutet, ein zittriges, bibberndes Opfer der eigenen Angst zu sein. Unfähig, auf rationelle Art ihr zu begegnen, sie zu kontrollieren und zu lenken. Da war auf einmal ein "Kloss im Hals"; ich konnte nicht mehr schlucken. 14 Kilo in zwei Monaten habe ich verloren. Ich kaute und kaute, aber runter ging nichts. Nur Flüssiges und Babykost und auch nur wenn ich ganz alleine, in aller Ruhe Löffel für Löffel zu mir nahm. Mein Umfeld schaute zu und weg, mein Arzt tippte auf eine Depression. Ich? Depressiv? Nie und nimmer! Schliesslich stand ich jeden Morgen topfit auf, kümmerte mich um meine Mädchen und den Haushalt, rüschte mich businesslike für die Arbeit als Abteilungsleiterin auf, überlebte 9 Stunden zwischen politischen Machtspielen, Intrigen, Mobbing und Bossing, Zickenkriegen und Stutenbissigkeit. Abends bügelte ich die Hemden meines Mannes und jedes zweite Wochenende half ich auf dem Bauernhof der Schwiegereltern aus. Daneben ertrug ich die übergriffige Omnipresenz meiner Mutter, holte meine älteste Tochter aus Kneipen, in die sie in diesem Alter nicht gehörte, ertrug stundenlang die Erzählungen meines Mannes aus seinem Job und versuchte, bei all dem adrett und gepflegt auszusehen. Ich depressiv? No way! 5 Jahre habe ich gebraucht um wieder halbwegs normal essen zu können und die beste Shiatsu Therapeutin, die mir je begegnet ist, hat mich wahrscheinlich vor der Magersucht bewahrt. Die Esstörung war bei weitem nicht alles. Panikattacken, Flugangst, ein zugeschnürter Magen, Herzrasen, verkrampfte Organe und verspannte Muskeln, Sodbrennen, Schwindel... Die ganze Palette rauf und runter an allen erdenklichen psychosomatischen Beschwerden. Alles in mir schrie nach Aufhören, Schluss. Ich konnte nicht. Von Kind an war ich auf Verantwortung konditioniert, schon als kleines Mädchen wurde mir die Rolle des Familienoberhauptes zugewiesen. Als Teenager war ich stolz darauf, unfähig zu durchschauen, dass die Bürde viel zu schwer war. Ein Computer hätte nicht besser funktionieren können. Ich lief und lief und lief, wie die Batterie aus der Werbung. Jetzt also Hörsturz. Erst eins, dann zwei, dann drei. Die Behandlung mit Cortison hat dazu geführt, dass meine Nerven so dünn und anfällig wie Reispapier sind. Wie Lametta am Weihnachtsbaum reagieren sie auf jeden Lufthauch. Jede Überlastung führt zu einem erneuten Ohrinfarkt. Gleichgewichtsstörungen, Schwindel und wackelige Bewegungen die Konsequenzen. Schwach und müde bin ich, aber wie Scarlett O'Hara hoffe ich auf ein besseres Morgen. Und schreibe. Schreibe mir alles von der Seele. Raus damit ins Universum.

Marita