Aus der Zeit
Wie in einem Kinderbuch geht es hier zu. Grün-gelb-blau-violett wiegen sich die Bütenkelche im leisen Wind, nicken mit den Köpfchen und grüssen auf das Herzlichste. Es ist Frühling in den Bergen - eine Symphonie in Kitsch, romantisch, hoffnungsfroh, allegorisch. Keinem Touristenbüro könnte es besser gelingen. Politik? Klimawandel? Flüchtlinge? Rechte Parteien? Covid? Hä? Nicht hier, nicht mit uns. Im grasgrünfroschigen Reich des Himmelsthrons zählt der Augenblick, die schmerzenden Füsse in den Wanderschuhen, die grandiose Aussicht und der hörbare Atem. So weit die Füße tragen, die Augen blicken, das Herz schlägt. Goldgelbe Anemonen, die nah am Wasser bauen, Sterne der Wiese, Butterblümchen, Wiesensalbei, Löwenzahn, Vergissmeinnicht - alle geben sich ein Stelldichein, lächeln dem ersten Schwalbenschwanz zu und beschämen den Menschen. Der Mensch, der sich einbildet, wer zu sein, in all seinen Zweifeln, seinen vermeintlichen Sicherheiten, seinem Eroberungszwang. Die Blütenmädchen zwinkern mir zu, gleichzeitig kokett und gelassen. Jedes Jahr auf's Neue werden sie geboren, erblühen - sich ihrer Pracht bewusst - verblühen in Würde und Akzeptanz, wissend, das nächstes Jahr ein anderer Wanderer sie betrachtet und sich an ihnen erfreut. Und über allem der Berg - stoisch, unverrückbar, majestätisch, zeitlos. Ein paar Wölckchen schweben dahin, just um dem unendlichen Blau eine Dimension zu geben, damit sie fassbar ist für das kleine Menschenkind da unten. Läuft die Angst noch im Schatten? Oder juchzt schon die befreite Seele? Ein Tag, ein Wimpernschlag in einem Leben. Ein Geschenk.