Anarchenseele

Jüngst übernachtete heimlich der Frühling auf unserem Balkon und präsentierte sich morgens mit einem breiten Lächeln im Gesicht, mit sommerlichen Temperaturen und einer beschwingten Brise. An der Garderobe hingen noch unsere Winterjacken und die Heizung gab alles, denn nur ein paar Tage vorher hatte es geschneit. Ich bekam sofort Lust zu waschen, Bettwäsche und Handtücher blitzsauber und mit einem guten Schuss “Orchideengold” abgefüllt auf das Balkongeländer zu hängen und dabei zuzusehen, wie sich die parfümierten Wäschestücke im Wind blähten. Gedacht, getan. Allerdings war Sonntag und ich konnte die Sonne nicht so richtig geniessen. Zwar haben sich die Nachbarn nie beschwert, aber vielleicht schütteln sie hinter den Gardinen die Köpfe angesichts meiner emsigen Hausfrauentätigkeit? Also entschied ich mich, in die Natur zu fahren und wandern zu gehen. Auf dem Rheinweg traten sie sich schon gegenseitig auf die Zehen und ich mag es lieber ruhig, so dass ich die Vögel singen höre. Hauptsache, in die Höhe, dachte ich und bog irgendwo rechts ab, in's Blaue hinein. Ich stellte das Auto auf einen verlassenen Waldweg und schritt kräftig aus, immer dem Berg nach. Das schlechte Gewissen plagte mich, denn das Vehikel parkte an einem Ort an dem es nicht parken sollte. Um meinen unguten Gefühlen zu entkommen, hing ich noch ein paar Kilometer dran - sozusagen zur Strafe. Es funktionierte! Je weiter ich mich entfernte, je weniger dachte ich an den Stein des Anstosses. Was für ein Auto? Oben angekommen schaute ich hinab ins Tal und stellte mir all die wuselnden Spaziergänger vor, die gleichzeitig am Handy parlierten, die Kinder ausschimpften und niemals den Eisvogel sehen würden. Ich war arrogant und überheblich und alleine aufgrund der Tatsache, dass mein Handy auf stumm geschaltet war, bildete ich mir ein, ein Gutmensch zu sein. Ich rief mich zur Raison und zeigte mir selber den mahnenden Zeigefinger. Und dann war da noch das Auto. Und die Wäsche. Am heiligen Sonntag. Ich beeilte mich mit dem Heimkommen und prompt fand ich mich auf einer schnurgeraden Landstrasse, die vollkommen mir zu gehören schien. Voller wilder, ungezähmter Frühlingsgefühle drückte ich auf das Gaspedal und flog direkt meinen Dreissigern entgegen - ohne Helm und Gurt. Meine kleine Anarchenseele feierte eine Party und tanzte für anderthalb Kilometer Rock'n Roll. Zuhause, beim Abnehmen der getrockneten Bettlaken, überkam mich ein inneres Grinsen: heute hatte ich mal wieder ein paar Regeln gebrochen und war Pippi Langstrumpf gewesen. Die Wäsche roch trotz Orchideengold komisch - ein Vogel hatte drauf geschmissen, dieser miese Anarchist.

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Marita