Spitze
Nachdem sich mein Körper entschieden hatte, dass es Zeit für die Wechseljahre sei, begann er sich ohne weitere Rücksprache und ohne mein Einverständnis Richtung rechts, links und gegen unten zu verselbständigen. Dellen, Pölsterchen, Falten verbreiteten sich in Windeseile und ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten meinerseits. In Rekordzeit veränderte sich gezwungenermassen mein Selbstbild und parallel dazu meine Wäscheschublade. Französische Spitze und sexy Stringtangas wichen bequemen Stoffen und Schnitten, sündige rote Bodies machten Platz für Spanx, dieser Art von Pelle, die alles zusammen pfercht und uns eine im wahrsten Sinne des Wortes, atemberaubende Taille zaubert. Das geht so: während ich mich unter Verrenkungen in das hautfarbene Teil zwänge, stöhnend mal hier, mal da ziehe und drücke, nimmt das wundersame Textilstück alles was zuviel ist, mit auf die Reise, bis unter die Brust. Dort schafft es mir einen Mordsbusen, der eigentlich in ein Dirndl gehörte, und lässt mich für ein paar Stunden wieder eine Grösse 38 sein. Das ich während dieser Zeit weder essen noch trinken, geschweige denn eine gesunde Bauchatmung zelebrieren kann, versteht sich von selbst. Darunter leidet meine Schlagfertigkeit, die mehr Sauerstoff benötigt, als sie gerade erhält, was dazu führt, dass ich zwar toll aussehe, aber wie Dummi in der Gegend stehe und nach anderthalb Stunden nach Hause will. Bloss runter mit dem Zeug! Es folgten Jahre, die ich als praktisch, quadratisch, gut bezeichnen möchte. Leider keineswegs so genussvoll wie die allseits beliebte Schokolade. Schluss mit String, der zwar den durchaus vorteilhaften Effekt hat, sich unter Hosen und Röcken nicht abzuzeichnen, in dem ich mich aber lächerlich fühlte. Knackpo war aus einem anderen Leben. Die edle Spitze juckte auf der Haut und der Bügel-BH hinterliess rote Striemen unter der Brust. Weiss der Teufel warum, aber die ganze bequeme Funktionsunterwäsche wird mit der Zeit gräulich und unansehnlich und hing mir zum Hals raus. Und dann, vor ein paar Tagen, die Erleuchtung. Ein Fachgeschäft muss her. Da der Begriff Unterwäsche-Fachgeschäft höchsten in den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts geduldet war, suchte ich nach Dessous und Lingerie und wurde fündig. Ab ins Auto und das Paradies des Untendrunters angepeilt. Ich kann den Besuch eines ausgewiesenen Unterhosen und Büstenhalter-Ladens nur empfehlen. Die kompetente Dame hat mich ausserordentlich gut beraten, über meine Unzulänglichkeiten hinweg gesehen, das noch Blühende hervor gehoben, die richtige Passform gemessen, eine butterweiche Spitze gefunden, die nicht kratzig ist und mir zu ein paar sehr noblen Kombinationen verholfen, welche hübsch anzusehen sind und den Tatsachen gerecht werden. Nach einer geschlagen Stunde habe ich hoch zufrieden den Tempel der zarten Gebilde verlassen, um einiges ärmer an Geld, dafür reicher an Selbstsicherheit. Es lebe die Guipierre.