Vaffanculo
Als Teenager konnte ich aufrichtig und wahrhaftig wütend sein, aber so was von!!! Auf Lehrer, auf vermeintliche Freunde, auf meine Mutter, auf meinen nicht vorhandenen Vater, auf Regeln, auf die Kirche, auf Jungs, auf Schuhe, Kleider und meine Schwester. Ich brüllte und schrie, ich lief in den Wald, fuhr mit dem Mofa wie Sau, schmetterte Tassen und Teller und knallte den Hörer in die Gabel. (nicht die zum essen). Ich heulte Rotz und Wasser und stampfte mit den Füssen. Mühsam für meine Umwelt, sehr gesund für mich. Solange meine Wut ein Ventil fand, war ich gesund und voller Energie. Heute habe ich ein Magengeschwür, leide an den Folgen eines Hörsturzes und bin ab und zu depressiv. Denn natürlich darf man nicht ungestraft wütend sein. Ich wurde jahrelang dazu angehalten, meine Wut zu unterdrücken - durch die "erziehungsberechtigten" Personen (wer immer ihnen dies attestiert hat), durch Autoritäten wie Lehrer und Vorgesetze, durch Gewalt, durch das gesellschaftliche System, die Verwandtschaft, durch vernunftbegabte Menschen und durch alle möglichen anderen Instanzen, die den Ausdruck von Wut als peinlich, infantil und dumm bezeichnen und damit überfordert sind. Dabei gab es unzählige Gründe für meine Wut, berechtigte Gründe. So habe ich gelernt, zu schlucken, nochmal zu schlucken und immer wieder zu schlucken. Ich habe gelernt, zu vertuschen, zu überspielen und so zu tun als sei nichts. Mir wurde beigebracht, zu taktieren, zu formulieren und zu vorne-aussen-drumherum reden. Wut und überhaupt Emotionen waren nicht mehr zeitgemäss. Die Wut wuchs und wuchs und brachte mir einen Kloss im Hals, einen dicken Bauch und schlaflose Nächte. Dafür war ich jetzt erwachsen, verständig und "hatte mich im Griff". Meine Umwelt war zufrieden, ich krank. Heute, endlich, nach 35 Jahren, ein erster Aderlass. Ich war wütend und ich habe geschrien. Vaffanculo habe ich geschrien. Im Auto. Laut, noch lauter und dann habe ich die Namen angehängt, die Namen, die unaussprechlichen. Ich weiß nicht wie oft und wie laut aber da ist was passiert, eine kleine Erleichterung, eine Entspannung, ein tieferes atmen. Vaffanculo, ich hab' Dich wieder gefunden.