Mohn und Korn

Letztes Jahr ist neben unserem Haus ein Wunder geschehen. Geradezu über Nacht erblühte eine riesige Wiese mit prächtigem Klatschmohn und kornblumenblauen Kornblumen - ja, wie denn sonst soll diese Farbe heissen? Im Laufe des Sommers konnte ich immer wieder Spaziergänger und sogar Autofahrer, die kurz anhielten, mit gezückter Kamera, sprich Handy, beobachten, die den Farbenrausch im Bild festhielten. Die Wiese erinnerte mich an an Kindertage mit kurzen Frotteeshorts, Kleppern (heute sagt man dazu clogs oder in Italien "Dottor Skolls". Unsere waren ohne Absatz und mit einem roten Lederband über den Rist. Sie wurden zu Beginn der Somerferien gekauft, 3 Monate lang ununterbrochen getragen, bis das Holz nur noch eine flache Scheibe war und im Herbst im Mülleimer entsorgt. Manchmal ging das rote Lederband beim spielen kaputt; dann gab's Schelte und doofe Sandalen, denn zwei Paar Klepper in einem Sommer lagen finanziell nicht drin. Über den Shorts trugen Mädchen, die was auf sich hielten, gesmokte Blüschen mit Stickereien aus Ungarn, der letzte Schrei. Nach dem Frühstück entliess man uns auf die Strasse, bzw. in die Natur - unbeaufsichtigt!!!!  Kurz nach Hause zum Mittag essen und dann rannten wir los wie freigelassene Tiere aus dem Zoo. Vor dem dunkel werden mussten wir uns wieder einfinden was natürlich so lange wie möglich hinaus gezögert wurde. Wir waren frei, frei von Angst und Zwängen, von Regeln und Erwachsenen, frei von wie auch immer gearteter Aufsicht, egal ob analog oder digital, frei im Kopf und frei in den Füssen. Zwischen fünf und sechs Uhr abends kam der Eismann, eine Institution in jedem deutschen Kaff der 60-er und 70-er Jahre. Wir erwarteten ihn sehnlichst an diesen langen Sommertagen und standen pünktlich an der Strasse. Verpassen konnte man ihn nicht, denn sein Glöckchen hörten wir schon von weitem.  Ein aufmerksamer Beobachter hätte damals feststellen können, wer später sein Bankkonto auffüllen würde und wer gerade so durch kam. Ich haute Anfang der Woche gerne auf den Putz, nahm mir 2 Kugeln auf einmal und musste Donnerstags meine Schwester anbetteln, ob sie mir noch 10 Pfennig liehe. Dafür versprach ich Puppen und Zubehör oder die Teilnahme an Spielen, die ansonsten nur den Grösseren vorbehalten waren. Meine Schwester hingegen holte sich jeden Tag eine Kugel für 10 Pfennig und ihr Fünfziger hielt bis zum Freitag. Daran hat sich bei mir nicht viel geändert. Noch während der Schulzeit ging ich Montag und Dienstag in die feine  "pasticceria" (Konditorei) mit Sandwich und "gönnte" mir was, während ich die restlichen Mittagspausen in der EPA (ehemaliges Schweizer Kaufhaus) beim Musik hören verbrachte. Als junge Frau fröhnte ich zu Monatsbeginn dem mondänen Leben mit shopping, cappuccino auf der Piazza und Discobesuch während für die restlichen Tage Spaghetti in bianco (ohne Sauce) und die Parkbank angesagt war, immerhin mit Blick auf den See. Zurück zu Mohn und Korn. In meinen Kindersommern gab es diese Wiesen überall und dort wo wir wohnten, ganz besonders viele. Wir freuten uns an den Farben, legten uns auf die Erde, beobachteten Insekten, liessen Ameisen über die Beine und Arme krabbeln und schauten in den Himmel. Unsere Welt war perfekt und während wir am Sauerampfer lutschten, fühlten wir uns aufgehoben und sicher unter der Mohn- und Kornblumenpracht. Wir pflückten Sträusse für Mama was die armen Mohnblumen leider nie lange überlebten. Aber sie würden ja wiederkommen... dachten wir damals. Nebbich. Heute kann ich mich einen ganzen Sommer lang über ein einziges Feld freuen und den Sommer darauf darüber weinen, dass es das Meer aus Rot und Blau schon nicht mehr gibt. Nur am Rande entdecke ich noch ein paar Überlebende. Nie käme ich auf die Idee, diese zu pflücken, denn ich bin mir ihrer Rarität sehr wohl bewusst. Schnell das Handy gezückt und nochmal ein Bild gemacht. Weiss ich, wann mir nochmal eine Mohn- und Kornblumenwiese unterkommt?

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Die Klepper trug ich sogar mit Socken

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Nix Fleurop

Marita