Abgebogen
Wie wäre mein Leben wohl verlaufen, wenn ich 1983 tatsächlich nach Taiwan und Hongkong gegangen wäre? Der selige Wolfgang Saum, mein Chef und Mentor, ein work- und alcoholic vor dem Herrn, hatte mir ein Jahr im Büro in Taipei und dann eines in der Produktion in Hongkong angeboten. Meine älteste Tochter kam dazwischen und ich entschied mich für sie. Leben zu schenken erschien mir das hehrere Ziel. Und was, wenn ich 1986 doch die alte Villa am Comer See gekauft und ein Hotel Garni daraus gemacht hätte? Damals waren die Adenauer-Zeiten längst vorbei und George Clooney noch nicht da. Der Tourismus in der Region eine einzige Flaute. Solche Objekte konnte man für einen Appel und ein Ei bekommen. Ich liebte die Hotelbranche und traute mir den Sprung in die Selbständigkeit eigentlich zu. Eigentlich. Wäre 1992 eine Insulanerin auf Corfù aus mir geworden, wenn ich dem jungen, smarten Anwalt mit politischen Ambitionen auf seine Heimatinsel gefolgt wäre? Vielleicht hätte meine Tochter, die von jeher das Meer liebt, dort Wurzeln geschlagen und wäre wunschlos glücklich gewesen? Welche Wendung hätte mein Schicksal genommen, wenn ich nach dem Tod meines Mannes 2002 nicht die Kinder in's Auto gepackt und auf dem Weg an die Côte d'Azur in letzter Sekunde nach Laigueglia abgebogen wäre, um dort einem Mann zu begegnen, den ich schon einmal geliebt hatte und der jetzt wieder in mein Leben trat? Wieso habe ich mich für Wege entschieden, die sich gerne mal in Canossagänge mit bitterem Ende verwandelten? Habe mich von zig' Gegenargumenten überzeugen lassen, obwohl sie oft von Leuten kamen, die selber weder über ihren Schatten springen geschweige denn aus ihrer Haut fahren? Oder habe ich mich instinktiv für das entschieden, was nicht anders konnte? Würde ich auf meine Töchter verzichten wollen, heute in Hongkong unter dem Chinesen leben oder ein einsames Dasein in einer traditionellen griechischen Familie mit definitiv konservativen Ansichten fristen? Müssige Fragen, die ungebeten in meinem Kopf auftauchen. Was treibt das Unbewusste, nicht Fassbare und doch so Konkrete mit uns, dass wir an der Kreuzung nach rechts statt nach links abbiegen, obwohl dort die Sonne anscheinend höher steht? War wohl alles richtig so! Hitze vertrag ich nämlich gar nicht gut. Nur die Villa am Comer See, die sticht ein bisschen. Was natürlich Quatsch ist; der Kasten hätte Unsummen verschlungen und die italienische Bürokratie mich vor der Zeit an den Rand des Wahnsinns getrieben. Erich Kästner kennt die Antwort. "Wird's besser? Wird's schlimmer? Fragen wir jährlich. Seien wir ehrlich, Leben ist immer lebensgefährlich".
1989 mit meiner ältesten Tochter
1992 in Corfù
2002 in Laigueglia
Lago di Como