Bauchschwips
In die Buchse haben wir uns gemacht, vor Lachen! Nie wäre es uns in den Sinn gekommen, unsere Bauchmuskeln in einem Fitnessstudio gegen Bezahlung zu trainieren. Das war auch gar nicht nötig, denn die täglichen Lachanfälle sorgten für eine gesunde Körpermitte. Genussvoll schossen wir uns abwechselnd ironische und sarkastische Bälle zu, hielten diese mit Wortakrobatik virtuos in der Luft und berauschten uns an den schlagfertigen Sätzen. Nichts und niemand war vor unseren kleinen Boshaftigkeiten sicher, die immerhin ein aufmerksames Betrachten der Mitmenschen und ihrer Unzulänglichkeiten sowie ein Gespür für Komik voraussetzten. Wir konnten uns kugeln mit unseren Brüllern, bis das die Tränen liefen und wir rote Augen bekamen. Kein Tag verging ohne das mehrmals herzhaft gelacht wurde, sei es zu Hause mit den Kindern, mit den Kollegen im Büro und vor allem mit den Freundinnen. Alles andere als politisch und gesellschaftlich korrekt, nahmen wir uns und unsere Umwelt auf die Schippe, machten flapsige Bemerkungen, konstruierten wahnwitzige Dialoge und kicherten uns einen Ast. Wir hatten einfach Spass an der Freude und liessen keine Gelegenheit aus, uns dieser hinzugeben. In einer launigen Sommernacht produzierte ich mich mal als Flamencotänzerin auf einem Balkon, hingerissen gaga, im Klang von improvisierten Kastagnetten aus Löffeln. Meine Zuschauerinnen waren nur noch ein wirres Knäuel aus Lachen - bis es an der Tür klingelte und die carabinieri davor standen. Nach erfolgter Standpauke während der weder sie noch wir uns das Grinsen verkneifen konnten, zogen sie von dannen. Noch im Treppenhaus haben wir sie kichern gehört. Die Geschichte war jahrelang fester Bestandteil unseres Repertoires an lustigen Anekdoten, immer wieder aufgewärmt, immer wieder amüsant. Ach ja.
Lauthalses Herausprusten, ungebremste Lachanfälle, dämliches Gekicher scheinen mir heute verpönt. Legitim sind einzig spassige YouTube Videos, die man sich im stillen Kämmerlein reinzieht und anschliessend kommentarlos teilt. Damit meine Lachmuskeln tatsächlich gefordert wären, müsste ich mir die ganze Zeit beim Lachen im Spiegel zusehen. Konsumieren ja, selber gestalten nein. Ein wenig Ironie im Büro produziert Stirnrunzeln und hoch gezogene Augenbrauen, ablachen im Restaurant peinlich berührte Blicke und lautes Gelächter im Zug eisige Mienen und Kopfschütteln. Gesellschaftlich akzeptiert ist nur, was bezahlt wird, egal ob auf der Bühne oder im Internet. Dann darf man. Künstlich erzeugter Humor hat Hochkonjunktur. Ein allzu teurer Preis, den unsere vermeintlich hohe Lebensqualität da fordert.
Neulich beobachtete ich ein japanisches Ehepaar am Bahnhof. Ein kleverer Fachverkäufer, der an diesem Tag seinen Monatsbonus verdient hatte, hatte die beiden mit allem bepackt und behangen, was man so im Himalaya braucht. Sie keiften sich trotz ihrer sprichwörtlichen Zurückhaltung, den öffentlichen Ausdruck von Gefühlen betreffend, an und gaben dabei ein putziges Bild ab. Ihre etwas ungelenke Körpersprache war reinster slapstick. In mir beging es zu blubbern, ich blies die Backen auf, die Lippen zitterten und der Kiefer verkrampfte sich. Auf der anderen Seite eine Dame, unsere Blicke trafen sich, in den Augenwinkeln zwinkerte es und dann endlich, Explosion. Wir prusteten uns an und freuten uns an unserem Heiterkeitsausbruch. Mit einem verschwörerischen, verschmitzten Lächeln stiegen wir in den Zug, im vollen Bewusstsein, uns gegenseitig einen zutiefst lebendigen Moment geschenkt zu haben. Beschwingt ging ich durch den Tag mit einem kurligen Bauchschwips. Salute!