Papa
Mein Vater verschwand aus meinem Leben als ich 3 Jahre alt war. In einer Nacht- und Nebelaktion liess sich meine Mutter von ihrem Cousin abholen. Mitgenommen hat sie einen Korb frisch gewaschene Kinderwäsche, mich und meine Zwillingsschwestern die gerade ihren ersten Geburtstag gefeiert hatten. Zwei Frühchen, beide krank. "Dein Erzeuger", so nannte meine Mutter ihn. Er war mit der Situation komplett überfordert, die Ehe von Anfang an eine Farce. Aber geheiratet werden musste! Die Erzkatholiken wollten das so und meine Mutter hatte keine Chance. Ihr Vater wiederum war 1945 verstorben, nach Kriegsende. Mama war sechs und muss ihn schrecklich vermisst haben, denn meine Grossmutter hatte kein Verständnis für den Schöngeist ihrer Tochter. Diese hatte ihre musischen Begabungen von ihrem Vater geerbt, der Zeit seines Lebens gerne ins Theater ging, selber filigrane Tuschzeichnungen malte und meiner Oma schöne Stoffe und Hüte schenkte. Oma verlor ihren Vater mit 26, gerade war ihre erste Tochter zur Welt gekommen. Sie übernahm, zusammen mit ihren Geschwistern, ein schweres Erbe. Die überdimensionierte Familienvilla verschlang Unsummen und war hoch verschuldet. Oma, Urgrossvaters deklarierter Liebling, versprach ihm auf dem Sterbebett, sich zu kümmern. Das hat sie getan, bis zu ihrem Tod mit 91 Jahren.
Meine eigenen Töchter haben unter der Vaterlosigkeit gelitten. Beide, jeder auf seine Weise, haben sich ihrer Verantwortung entzogen. Mir hat es das Herz verbrannt, hatte ich mir doch so erhofft, dass wenigstens sie die Liebe und Zuwendung eines Vaters bekämen.
Ich schaue gerne dabei zu wenn Väter sich mit ihren Kindern beschäftigen, ihnen zuhören, sie füttern, mit ihnen spielen und sie auffangen, wenn sie sich in Papa's Arme stürzen. Ich kann beobachten, wie Geborgenheit und Sicherheit vermittelt werden und wie Kinder sich aufgehoben und unantastbar fühlen. Der Fels in der Brandung. Vielleicht sind die Väter gar nicht so aber durch ihr Tun und ihre Präsenz bekommen ihre Kleinen dieses Urvertrauen, das einen guten Grund und Boden für die späteren Lebensstürme bildet. Ich wünsche mir für jedes Kind diese Selbstverständlichkeit von Vaterliebe und vermisse sie selber schmerzlich. Niemals habe und werde ich Papa rufen, mich in starke Arme stürzen und einen Moment lang das Gefühl haben, dass mir nichts passieren kann. Das tut weh.
1961 kannte man noch kein “posing”! Papa ist auf sein Schachspiel fokussiert, nicht auf seine Tochter.