Bitte lächeln

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Ich muss mich jetzt mal aufregen! Wieso sind Menschen, die in einem der reichsten, sichersten und komfortablesten Länder dieser Erde leben, so unzufrieden und griesgrämig? Jeder Bauarbeiter, der unter sengender Sonne schuftet bei kleinem Gehalt, womöglich fern von der Familie, ungeliebt in einem fremden Land, ist netter und freundlicher als die Hiesigen. ALLE Ausnahmen, die ich kenne, ausgenommen! Und derer gibt es einige aber weniger als es sein könnten. Heute morgen habe ich einem älteren Herrn den Vortritt auf einem vorübergehend verengten Gehsteig gelassen. Mit Vortritt meine ich in diesem Fall 20 Meter, die ich gewartet habe. Der Mann war absolut beieinander, nur grüssen und danken, das hat er nie gelernt oder verlernt. Ebenfalls heute morgen habe ich mehrmals andere Autos vorgelassen und diese mit kurzem Handzeichen gegrüsst. Böh? Kennt man wohl nicht? Jedenfalls hielt es niemand für nötig, meine Geste zu erwidern geschweige denn, sich zu bedanken. Im Zug sitzen jeden Tag unzählige Pendler, die nur eines wollen: ungestört in ihr Handy starren. Reden und Lachen unerwünscht. In der Papeterie in der ich Geschenkpapier gekauft habe, wurde ich sehr verhalten bedient. Ja, man war höflich aber Begeisterung sieht anders aus. Dabei sind Papeterien vom Aussterben bedroht und ich eine eifrige Kundin. Wir versenden nämlich noch handgeschriebene Briefe. Meine Bank, die ich vor vielen Jahren ausgewählt hatte weil es in jedem Kaff eine gab und man sich persönlich kannte, hat sich modernisiert. Oh ja, sie ist nun ausserhalb des Städtchens angesiedelt wo keine Sau zu Fuss hin will, dafür gibt es keinen Schalterdienst mehr. Die netten Damen mit denen man sich zwischendurch ein Schwätzchen leistete, sitzen unerreichbar in einem kalten Büro. Unser Verwalter schreibt E-Mails, deren Ton mehr als fragwürdig ist und an der Kasse vom Supermarkt kann man Szenen beobachten, die einen denken lassen, ein Krieg stände uns bevor. In der Mensa drängeln sich Leute ungeniert an einem vorbei und auf dem Gang gibt es Kollegen (?), die ums verrecken nicht grüssen.

Oscar, der Griesgram aus der Sesamstrasse.

Oscar, der Griesgram aus der Sesamstrasse.

Hallo, Ihr da draussen, lächelt doch mal, einfach so. Seid nett, sagt Grüezi, nickt mit dem Kopf. Oder werdet Ihr von einer mysteriösen geheimen Instanz für's murren, mosern und giften bezahlt? Ich möchte daran erinnern, dass hier jeder ein Dach über dem Kopf hat, die Läden brechend voll sind, die Strassen in mustergültigem Zustand, die meisten einer lukrativen Arbeit nachgehen (und wenn sie nicht lukrativ ist, dann machen's die Ausländer) , die Kriminalitätsrate sich schwer in Grenzen hält, man sich überall sicher fühlt, praktisch keine Autos geklaut werden, die Sozialhilfe gut funktioniert, jede Wohnung eine Heizung hat, ebenso wie eine Toilette und ausreichend Strom für sämtliche bescheuerten Geräte, mit denen wir uns umgeben. Die Züge sind meistens pünktlich, der öffentliche Verkehr optimal geregelt, der Müll wird vorbildlich entsorgt, die Post funktioniert zuverlässig, die Spitäler sind tip top eingerichtet, picobello sauber und jedermann zugänglich. Jeder hat das Recht auf freie Meinungsäusserung und das ist auch 2019 immer noch nicht selbstverständlich. Reicht das nicht um jeden Morgen mit einem Lächeln aufzustehen und dieses mit den Mitmenschen zu teilen? Kostet übrigens keinen Rappen, Lebensfreude ganz umsonst.

Marita