Kunstwerk?

Da steht er, links vorne in der Ecke. Ich krieg die Krise. Der verdammte Kasten mit 6 abgelaufenen Flaschen Bier steht immer noch da. Seit drei Monaten erschwert er mir das Einparken und den Zugang zum Auto. Vorher hat das Ding 3 Jahre, ich buchstabieren d-r-e-i, im Keller gestanden und die Gegend verschandelt. Haarscharf geht unser beschauliches Städtchen an einem Melodram neapolitanischen Ausmasses vorbei. Folgendes Szenario: Raus aus dem Auto, ran an die Pullen. Eine Flasche nach der anderen mit Karacho in den Hof werfen, Bier liegt in der Luft, vermischt sich mit dem Geruch von Schwefel, Gezeter zerreisst die Stille. Der Kasten fliegt hinter her - Befreiung! Statt dessen sitze ich im Auto und warte geduldig auf das Öffnen des Garagentores. Vorsichtig steige ich um den Kasten herum, darauf achtend, mir keine Zehen anzustossen. Hundert Gelegenheiten hätte ich gehabt, es selber zu tun, aber dieses eine Mal halte ich durch. In Italien sagt man "chi fa per sé, fa per tre", also wer es selber tut, erledigt die Arbeit für drei. Nach diesem Motto habe ich die letzten 35 Jahre funktioniert. Jetzt ist gut. Diesmal bleibe ich beinhart und rühre keinen Finger. Noch tönt mir der Satz "wenn ich zurück komme, ist der Kasten Bier weg; ich kann ihn nicht mehr sehen", autoritär und mit Inbrunst vorgetragen, in den Ohren. Hat es was gebracht? Pustekuchen. "Gell, mein Schatz, morgen früh entsorgst Du den Kasten Bier?" flöte ich diplomatisch dem Herr des Hauses zu. Denn mir ist klar, der Kerl schafft es nonchalant, sich eines stillen aber konstanten Widerstandes bedienend, nochmal drei Jahre in's Land gehen zu lassen. Wie macht er das bloss? Soll ich mir da etwa was abgucken? Und wenn der Kasten dann endlich weg ist? Wird er mir nicht ein klein bisschen fehlen? Wird die Ecke der Garage nicht leer aussehen? Werde ich das herumeiern um die Kanten vermissen? MA PER PIACERE! Morgen, morgen wird das Ding verschwinden und ich meinen Seelenfrieden wieder finden. Vielleicht. 

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Einen Tag später: Abrakadabra, Simsalabim - weg ist er, unwiderruflich. Und nun? Habe ich ihm Unrecht getan? Hatte er sich aufgrund des langen Aufenthaltes in unserem Haushalt einen Sonderstatus verdient? War er gar zum Kunstwerk mutiert? Quatsch! Heute bin ich beschwingt und mit Grandezza in die Garage gefahren um anschliessend ohne Hindernislauf dieselbige zu verlassen. Du Kasten, Du! Auf Nimmerwiedersehen. 

Marita