Maskio
Raffaele war trotz seiner aschblonden Locken und der großen wasserblauen Augen ein waschechter Neapolitaner. Flink und beredend sein Mund und seine Hände. Die Gestik und Mimik eines Schauspielers würdig. Mit seinen 15 Jahren verstand er sich schon prächtig auf's anbaggern und kannte alle Tricks. Misserfolge deutete er als Aufforderung, es nochmal zu versuchen. Die gute Laune verging ihm nie. Napoli eben. Chaotisch, lebensbejahend, dramatisch. Ich liebe die Neapolitaner und habe eine besondere Beziehung zu ihnen. Inmitten aller Widrigkeiten trotzen sie jedem Tag ein Lachen und ein Lied ab. Sie lavieren sich irgendwie durch ihren schwierigen Alltag und zeichnen sich durch Findigkeit und kreative Ideen aus. Nirgendwo sonst ist das Leben so prall. Treu sind sie nicht, zuverlässig auch nicht und die wichtigste Person ist... La mamma! Sie hat die Oberherrschaft, so lange sie lebt.
Il maschio italiano (maskio gesprochen), also der italienische Mann, eine ebenso gerühmte wie verschmähte Spezies.
Franco Gasparri, der absolute Superstar des italienischen Fotoromanzo. Inbegriff des idealen italienischen Mannes, weil er zwar aussah wie ein latin lover aber tatsächlich ein ganz normaler, lieber Junge war, der seiner mamma nur Freude bereitete.
Der Römer lebt in Rom, denn wo, wenn nicht am Bauchnabel der Welt sollte er sonst sein? Römische Migranten sind sehr rar, ich kenne nur eine Handvoll. Mit einer gehörigen Portion Ellenbogen, einem lautstarken Stimmorgan, einer frechen Schnauze und einem Hang zur Oberflächlichkeit ausgestattet, besteht er in diesem Moloch aus Hitze, Verkehr, Korruption, Kirche und Staat. Schliesslich sind Rom und seine Bürger seit tausenden von Jahren in aller Munde; dem muss er nichts mehr hinzufügen. Zuhören ist nicht so seins, dafür ist er zu ich-bezogen. Roma caput mundi. Wenn er was will, kann er ausserordentlich charmant sein, gar intellektuell und philosophisch. Aber dann - heim zu Mamma und abbacchio essen. (Lamm, eine typische Spezialität der römischen Küche).
L'uomo di mare. Der Küstenbewohner zeichnet sich durch eine zweigeteilte Persönlichkeit aus. Während der treusorgende Familienvater im Winter die Kinder zur Schule fährt, einem Beruf nachgeht und sonntags am Familientisch den Braten mit Eltern und Schwiegereltern teilt um anschliessend dem Fussball zu frönen, mutiert der uomo di mare im Sommer zu einem braun gebrannten Adonis. Die erschlafften Oberarme, die eben noch die Gazzetta dello Sport hielten, entwickeln Muskeln aus dem Nichts, der Gang aufrecht und federnd, die Konturen markig, die Stirnlocke fetzig. All'inizio della stagione, zu Beginn der Sommersaison, erwacht sein Jagdinstinkt. Er begibt sich auf die Pirsch nach "la turista". Egal, ob Italienerin oder Ausländerin, Hauptsache von weit weg. Denn Probleme oder Verantwortung will er keine. Er sucht den Sommerflirt, unkompliziert und leidenschaftlich. Jedes Jahr auf's Neue holt er sich für ein paar Wochen die Jugend zurück. Die Auserwählte merkt gar nicht, dass er sie niemals da zeigen würde wo man ihn kennt. Und während sie sich auf dem Nachhauseweg die Augen ausheult, weil der Traum von unbeschwerter SMSM sole-mare+sabbia-musica vorbei ist, sitzt er bei mamma und lässt sich verwöhnen. Der Arme, er fühlt sich oft so unverstanden, von den Frauen im allgemeinen und seiner eigenen im besonderen.
In Mailand geht es zu und her wie in Rom oder Berlin. Hier zählt Leistung, Produktion, Trend und eine Lebensart, die mehr Schein als Sein ist. Der Mailänder ist eitel und ein Geck. Seine Position ist ihm ebenso wichtig wie sein Bankkonto. Er schmückt sich gerne mit der Frau Format Model und tut weltmännisch. Beim Campari an der stylishen Bar formuliert er wohl überlegte Sätze zur politischen und wirtschaftlichen Wetterlage, stimmt heimlich für Lega Nord und überlegt sich, wo er und die Dame seines Begehrens sich am besten in Pose setzen. Alles heisse Luft, denn wer ist meistens am Handy, welches er ständig am Ohr hält? Pronto, pronto mamma!
Diese Sternschnuppen von einem Mann, virtuos beherrschen sie die Kunst des Flirts, der Werbung. Sie sind verliebt in die Liebe und reissen einen mit. Man sollte es einfach geniessen, denn mehr ist nicht. Wirklich zählen tun nur die mamma und die eigenen Kinder.
P. S. Klar könnte "la turista" auch Nein. Danke sagen. Aber warum sollte sie das tun? Das Dasein ist auch ohne maschio italiano hart genug.