Hinterwasser
Der Soziologe Dr. rer. soc. Hartmut Rosa hat sich Gedanken über die radikale Entschleunigung, die Corona uns seit Beginn des industriellen Zeitalters beschert hat, gemacht und setzt sich mit der Veränderung der Gesellschaft auseinander. Er benennt hier zwei Dimensionen, die institutionelle Ebene, also Wirtschaft, Politik, staatliche Strukturen, Gesundheitssysteme und deren mehr und die individuelle Ebene. Zur Letzteren habe ich meine ganz persönliche Wahrnehmung, die sich wahrscheinlich von Müttern in Kurzarbeit mit Kindern zu Hause massiv unterscheidet.
Statt wie ein aufgescheuchtes Huhn hinter jedem Termin herzurennen, mit heraushängender Zunge hunderttausend Dinge unter Dach und Fach zu bringen und die Hälfte meines Gehalts in Boutiquen mit der neuesten Frühjahrskollektion liegen zu lassen, sitze ich schon morgens entspannt beim Kaffee, schaue aus dem Fenster und erfreue mich am unermüdlichen Gezwitscher der Vögel. Nie lief die Waschmaschine seltener als in diesen Tagen, denn ein paar Jeans, ein paar Leggings und was halbwegs Anständiges obendrüber reichen vollkommen aus. Ich schaffe es tatsächlich, mehrmals in der Woche Yoga zu machen, jeden Tag an die frische Luft zu kommen - per Pedes oder auf zwei Rädern - und werkele mit Begeisterung in der Küche herum. Wir haben uns angewöhnt, in Hofläden auf Bauernhöfen nach deren Erzeugnissen zu suchen und nie war das nachbarschaftliche Miteinander so von Achtsamkeit und gegenseitiger Unterstützung geprägt. Seit der Jahrhundertwende habe ich nicht mehr so lange und so intensiv telefoniert und die Gespräche zu Hause haben definitiv an Qualität gewonnen. Wie soll ich es sagen, ohne zu riskieren, gelyncht zu werden? Es ging mir nie besser und die Globalisierung kann mich mal. Aber klar: keine Sonne ohne Schatten und meiner repräsentiert die Rückkehr in die irre, dekadente, spinnerte Welt und die Angst, dieses unwürdige, verachtende Gebaren selbst mitzutragen. Da kommt der Rat meines Liebsten gerade recht: Stell Dir vor, Du schwimmst im Fluss, die Strömung ist rasant und Du merkst, wie Deine Kräfte nachlassen. Schon atmest Du auf dem letzten Loch und beginnst, panisch um Dich zu schlagen. Hör auf zu schwimmen und sieh Dich um. Wo ist ein Hinterwasser? Hinter einem Stein, einer Boje, einem Boot? Da schwimmst Du hin, lässt Dich treiben, holst tief Luft, sammelst Kräfte. Der Lockdown ist so ein Hinterwasser und es gibt noch viele andere ruhige Gewässer. Da musst Du hin, wenn der Fluss es zu toll treibt. Ich liebe diese Metapher und habe mir das Wort “Hinterwasser” ins Hirn gechipt. Hoffentlich funktioniert der Chip wenn ich ihn brauche, dafür liebäugele ich sogar mit den neusten Technologien.