Verschnaufpause

Denken ist aus dem Sein, aber das Sein nicht aus dem Denken. Sein ist aus sich und durch sich - Sein wird nur durch Sein gegeben -, Sein hat seinen Grund in sich.
— Ludwig Feuerbach, 1804 - 1872

Die Tage wabern von der Sonne beschienen unbekümmert im lauen Wind vor sich hin. Letzterer rafft sich nur selten dazu auf, mit Vehemenz um die Ecke zu pfeifen. Die Stunden räkeln sich, dehnen sich genüsslich aus, als müssten sie die ihnen zugestandenen sechzig Minuten wie zu kurze Muskeln verlängern. Jede Tätigkeit nimmt sich die Zeit, die sie braucht, lässt sich nicht zwingen und treiben. Rituale, die lange vergessen gingen, erobern sich ihren Platz zurück. Wörter verlieren an Bedeutung: müssen, liefern, Zeitplan, Abgabetermin, Meeting, performance, Ziel. Ihren Platz nehmen andere Ausdrücke ein. Spazieren gehen, Salat waschen, lesen, ausschlafen, ausmisten, Gesichtsmaske, Balkontreffen, Solidarität, Entschleunigung. Das Denken verlangsamt sich, wird präziser, kritischer und doch nachsichtiger. Das Blickfeld weitet sich, nicht am Fernseher sondern beim Nachbarn. Die Bedürfnisse reduzieren sich auf Kochen, Essen, Reden, Schlafen, Trinken, sich selber spüren. Was brauche ich? Sehr wenig! Ich brauche keinen Kontakt zu Menschen mit denen ich nichts anfangen kann, ich muss mich nicht mit Diskussionen quälen, die in meinen Augen vollkommen unnötig sind. Diese Zeit der Karenz wirft mich auf mich selbst zurück und ich entdecke… eine Frau, die ich mag. Eine Frau, die selbstvergessen dem Gezwitscher der Vögel unter einem bühnenhaft theatralischem Himmel zuhört - körperlos und hingerissen, sich auflösend im Abendrot, zerfliessend wie in einem Traum aus Seide. Um mich herum ist alles gut, nichts Böses zerstört diese Tage vollkommenen Friedens und doch weiß ich, dieses Sein ist endlich. Die Erdenuhr tickt unaufhaltbar aber ich will noch im Jetzt verharren, dieses innere Schweben soll sich in mein Herz einbrennen und nie mehr verloren gehen.