Nirvana
Die Kugel schwebt schwerelos im Nichts. Es ist die Erde. Kontinente, Meere und Berge sind mit einer dicken, watteweichen Schicht aus dunkelgrünem Moos bedeckt. Ich liege auf der Kugel, fest eingebettet in das daunige Grün, lose ist jedes Glied, zerfliessend, sich auflösend. Ganz quer verteilt sich mein Körper über den Erdball, der Kopf schwer nach hinten, die Arme baumelnd, die Füsse ziehen vorne locker nach unten. Fest bin ich im Rund verankert. Das unendliche Blau des Himmels hüllt mich ein, dringt in jede Pore, sanft wabert es durch meine Gelenke. Alles ist aufgelöst, befreit von Knoten und Spannungen. Ich bin eins mit dem Bett aus Moos, der Kugel, der Unendlichkeit. In mir die vollkommene, friedliche Leere, die wie eine hauchdünne Seifenblase jede Faser in ein gläsernes Licht taucht. Frei von jedem Wunsch, jeder Erwartung, jedem Wollen und jedem Begehr bin ich sicher und warm aufgehoben. Wir drehen uns sanft im Wind, wir schaukeln zärtlich mit ein paar Wölkchen, wir lassen uns anpusten von einer vorwitzigen, kleinen Brise. Das Moos riecht oben trocken und würzig, unten frisch und nahrhaft. Hie und da ein Grashalm, der mich vorsichtig an der Haut kitzelt. Das Blau löst sich auf und mutiert zu tausenden hellblauer Blütenblätter, mit freundlichen weissen Blumengesichtern. Immer flockiger werden die zarten Fetzchen, kräftig blauer, dann violett, rot, orange, gelb. Das psychodelische Kaleidoskop verwirrt mir die Sinne, lässt mich laut lachen. Im Blumenmeer schwimmt die Kugel, hüllt uns komplett ein. Und dann, ein Vögelchen. Es fliegt an meiner Seite und seine dunklen, lebhaften Äuglein schielen zu mir rüber. Ich sehe es lächeln und höre ein feines Tschilpen. Das Vögelchen und ich, wir verstehen uns, wir mögen uns. Es weiß alles und muss nichts fragen. Komm jetzt, flüstert es, wir kehren zurück auf die Erde. Noch eine Runde, im Alles, bitte. Na gut, aber ich warte auf Dich. Flügelschlag... Da.